Nackt in New York!

Nackt in New York!

Letztes Jahr, im Sommer 2019, als mein Freund Manuel und ich für 6,5 Wochen in die USA reisten, machten wir etwas Verrücktes. Aber war es überhaupt verrückt? 

Wir starteten in New York City. Wie jeder weiß, sind die Übernachtungskosten dort unglaublich. Um den Jetlag erstmal zu überstehen, schliefen wir die ersten beiden Nächte in einem völlig überteuerten Hotel in Chinatown. Unbedingt wollten wir die Stadt und die Einwohner in den nächsten Tagen mit den Augen der New Yorker erleben. Also probierten wir, im Zeitalter der Apps, über www.couchsurfing.com unser Glück.

Unser Blick von der Staten Island Ferry auf New York City in der Nacht

Unsere erste Erfahrung mit Couchsurfing & Nudismus

Auf Staten Island

Couchsurfing ist eine hervorragende Möglichkeit, weltweit kostenlos zu übernachten und dabei Land und Leute aus Sicht der Einheimischen kennenzulernen. Natürlich muss dabei auf Seite der Gastgeber (Hosts) und der Gäste (Couchsurfer) ein Grundvertrauen vorhanden sein. Grundsätzlich geht es beim Couchsurfen auch darum, sich kulturell auszutauschen, Gastfreundschaft zu erfahren und sich wie zuhause zu fühlen. Im allerbesten Fall findet man vielleicht sogar Freunde für’s Leben! 

Da wir uns vor Beginn der Reise bei www.couchsurfing.com angemeldet hatten, um die USA viel authentischer kennenzulernen, schrieben wir einige Locals an und fragten, ob wir bei ihnen übernachten dürften und sie ein bisschen ihrer Zeit mit uns teilen möchten. Keiner meldete sich. War ja auch klar. Manu und ich waren alles andere, als Vorzeige-Couchsurfer, da ja noch niemand eine positive oder überhaupt eine Erfahrung mit uns machen konnte. 

Eine der weit verbreiteten Regeln des sicheren Couchsurfens soll anscheinend sein: Traue nie den Usern ohne jegliche Bewertungen. Nun ja. Wir waren ganz neu bei Couchsurfing, hatten keinerlei Erfahrungen damit und keine einzige Referenz vorzuweisen. Würde uns trotzdem jemand bei sich aufnehmen und ein bisschen von seiner Zeit schenken?

Nach einiger Zeit und zwei weiteren Übernachtungen in einem anderen Hotel in einer zwielichtigen Gegend, waren wir gerade in einem kleinen Park, mit Blick auf die Freiheitsstatue, als uns unser erster und einziger Host zurückschrieb. Ich grinste und schaute Manuel an: “Rate mal, wer uns bei sich aufnehmen würde?” 

Vor wenigen Stunden hatte ich einem unglaublich sympathischen Nudisten geschrieben, welcher viele positive Referenzen der CouchsurferInnen auf seinem vielversprechenden Profil hatte. Einzige Voraussetzung war: In seinem Appartment herrschte Textilfreiheit für ihn und alle Gäste.

So war es also. Manuel und ich würden unsere erste Couchsurfing-Erfahrung machen. UND DAS NACKT!

Sind wir zu prüde?

Zugegeben, es war schon ein komisches Gefühl, als wir vor der Türe unseres ersten Couchsurfing Gastgebers, nennen wir ihn einmal “J.”, in New York standen und direkt nackt empfangen wurden. 

Unsere erste Tat in der Wohnung von J. war es also, alle unsere Klamotten auszuziehen, beiseitezulegen und uns auf J.s Handtücher zu setzen, die er uns reichte. Da wir ihm als kleines Dankeschön Bier mitbrachten, war es für uns wahrscheinlich die beste Art, unsere anfängliche Unsicherheit bei einem Bier mit ihm herunterzuspülen. Heute noch witzelt Manuel darüber, wie wir da zu dritt rund um seinen Glastisch saßen, mit bestem Durchblick!

Um ehrlich zu sein, fühlten Manuel und ich uns von Anfang an sehr wohl bei J., obwohl wir außerhalb von Saunabesuchen in Thermen Nacktheit unter fremden Menschen nicht gewohnt waren. In der Therme daheim zeigte man sich zwar auch nackt, war aber total anders. Einmal ist es uns in einer Therme in Deutschland passiert, dass ein verwirrter Badegast uns über mehrere Stunden hinweg nachgestellt hat, was sich damals sehr verstörend anfühlte, da unsere Nacktheit schamlos ausgenutzt wurde. Dementsprechend waren wir wohl vorsichtig.

J. jedoch war unglaublich! Zu jedem Zeitpunkt gab er uns, als seine Gäste, das Gefühl von Sicherheit und Schutz. Besser kann man es kaum beschreiben. Die Nacktheit fühlte sich vollkommen natürlich an, nachdem wir uns eingewöhnt hatten. Wir durften im Wohnzimmer auf seiner Couch schlafen und uns allgemein in der Wohnung wie zuhause fühlen. Was wir auch wirklich taten.

Er lernte uns zwei amerikanische Kartenspiele, kochte Frühstück und führte sehr interessante Gespräche über Gott und die Welt mit uns. Es fühlte sich an, als würden wir einen alten Freund besuchen. Danke J., für deine kostbare Zeit, die du in diesen Tagen mit uns geteilt hast! Insgesamt durften wir dann zwei Nächte auf seiner Couch im Wohnzimmer verbringen. Da J. nur über die Sommermonate in New York City lebt und ansonsten Professor an einer Universität in Europa ist, hatten wir großes Glück, dass wir ihn überhaupt kennenlernen konnten.

Einmal bestellten wir chinesisches Essen mit ihm, was in New York leider keine Seltenheit ist. Riesige Müllberge vor den Gebäuden können das bestätigen. Als es an der Tür klingelte, zog sich J. schnell etwas über und Manu und ich saßen währenddessen nackt im Wohnzimmer.

Hätte der Herr vom Lieferdienst einmal kurz den Kopf in die Wohnung gestreckt, wären wir da nackt beim Glastisch gesessen. 

Das wär schon witzig gewesen, irgendwie. 😀 hahaha

Während der Zeit bei unserem Gastgeber redeten wir natürlich auch über Nudismus und Naturalismus, da es für uns bisher komplettes Neuland war. J. sagte einmal: “What if I wasn’t all weird, but everyone else?” Das gab mir sehr zu denken, da gerade ich, als gelernte Modedesignerin bzw. Schneiderin mich täglich mit Kleidung beschäftige. Was, wenn Kleidung manchmal auch dazu dient, uns vor den anderen zu verstecken? Kleidung gibt uns nicht nur Schutz und Wärme, sondern ist auch ein Statussymbol, zeigt Zugehörigkeiten und bringt Individualität zum Ausdruck.

Warum ist es normal, dass wir uns für unseren nackten Körper schämen? In unserer westlichen Gesellschaft wird meistens schon den Kleinsten unter uns beigebracht, dass sie sich schämen müssen, wenn sie nackt sind bzw. fängt es oft direkt bei den Eltern an, die sich nicht gerne “entblößt” vor den Kindern zeigen. Sollte es denn nicht das Normalste der Welt sein, den eigenen Kindern ein gutes Gefühl in Bezug auf den eigenen Körper von Anfang an mitzugeben?

Warum tun wir das? Hast du ein paar gute Antworten auf diese Fragen? Schreib gerne einen Kommentar mit deiner Meinung dazu!  

Die Gespräche mit J. waren unbeschreiblich gut. Selten haben wir einen Menschen auf eine so persönliche und intime Art und Weise kennengelernt. Danke, dass du uns eine ganz neue, bisher unvertraute Lebensweise gezeigt hast. Wir haben sehr viel von dir gelernt! Diese Erfahrung hat unseren kompletten Horizont erweitert. Dankeschön J.!

 

"Warum ist es in unserer modernen Gesellschaft so schwer, sich vor anderen nackt zu zeigen?"

Hast du Erfahrungen mit Nudismus? Lebst du vielleicht selbst so? Ich bin gespannt, was du zu sagen hast. Für uns war es ein erster Einblick in eine andere, intimere Welt. 

Es gibt kein Zurück mehr, sobald man einmal die Augen geöffnet hat.

3 Comments

Diana
16. Oktober 202010:31

Sie haben einen sehr tollen Blog zustande bekommen! Ich finde ihn sehr interessant vorallam die nachhaltigkeit wie man die haare wäscht. Ich freue mich schon sehr über neue Beiträge!♡

Lisa Sturn
22. Oktober 20209:41

Dankeschön! <3

Manuel Wäger
24. Oktober 20209:09

Haha 😂 war ein echt unglaubliches Erlebnis!

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